Zu Fuß zum Kinnarodden, dem nördlichsten Punkt Europas

Zu Fuß zum Kinnarodden, dem nördlichsten Punkt Europas

8. Dezember 2019 0 Von Björn

Es war Anfang September, als der tosende eiskalte Wind den Regen aus den dunklen Wolken über uns ungebremst in unsere Gesichter peitschte. Wir befanden uns mitten im Nirgendwo, unterwegs zu Fuß mit unserem Gepäck zum nördlichsten Punkt des europäischen Festlandes, dem Kinnarodden.

Kein Schutz weit und breit zu sehen, ausgesetzt in einer Welt voller Steine, die nun dank Regen extrem rutschig und hochgefährlich wurden. Hier im Norden der Nordkinn-Halbinsel, auf unwegsamen Gelände und ohne erkennbaren Wanderweg, gab es nichts was uns hätte schützen können vor den Gewalten der Natur. Nichts als Steine und tot scheinende Landschaft so weit das Auge reichte! Nass und frierend gab es nur zwei Richtungen, die zum Ziel oder die, Zurück zum Komfort.

Wandern zum Kinnarodden auf der Nordkinn Halbinsel. Nördlichster Punkt Europas
Regen, Kälte und Steine auf dem Weg zum Kinnarodden auf der Nordkinn Halbinsel

Kinnarodden, der nördlichste Punkt des europäischen Festlandes!

Holen wir kurz einmal aus, bevor es mit unserer Wanderung weiter geht. Denn ein bis heute immer noch weitverbreiteter Irrtum, dass das Nordkap der nördlichste Punkt vom Festland Europas sei, scheint immer noch aktuell und nicht aufgeklärt. Wohl auch dank gutem Tourismusmarketing beim Nordkap. Denn am Nordkap wird gutes Geld verdient, das darf nicht vergessen werden. Selbst einige Norweger bezeichneten uns gegenüber als nördlichsten Punkt das Nordkap.

Das Nordkap ist nicht der nördlichste Punkt

Das Nordkap ist jedoch nicht der nördlichste Punkt vom europäischen Festland. Warum? Weil das Nordkap auf einer Insel liegt! Jetzt als Insel der nördlichste Punkt von Europa zu sein, wird auch schwierig, denn Spitzbergen und die Inselgruppe Franz-Josef-Land liegen deutlich nördlicher.

Vor dem Start unserer mehrmonatigen Tour durch Skandinavien, war auch für uns das Nordkap ein Ziel. Wir fuhren jedoch nicht hin und können somit auch nicht in Sachen Schönheit und Nicht-Schönheit über das Nordkap urteilen. Aber einige Erzählungen von Reisenden, die wir unterwegs trafen, stellten das Nordkap in kein so gutes Licht dar.

>> Du zahlst ein Haufen Geld für nichts am Nordkap<<.

>> Überfüllt und teuer<<

Es liegt wie so oft immer im Auge des Betrachters was schön ist und was nicht. Aber es soll ja auch hier um den geografischen nördlichsten Punkt vom europäischen Festlands gehen. Wir machten uns auf den Weg zu diesem Punkt, um dort gefühlt am Ende der Welt, ein kleines Paradies für uns in totaler Einsamkeit zu finden.

Wo liegt der nördlichste Punkt des europäischen Festlandes?

Auf der norwegischen Nordkinn Halbinsel und er nennt sich Kinnarodden! Dorthin gelangt man nur mit einem längeren Fußmarsch durch sehr anspruchsvolles Terrain oder mittels  Boot. Wer nicht mit dem eigenen Segelboot kommt, kann auch von Mehamn aus ein Boot-Taxi buchen.

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Mehamn auf der Nordkinn-Halbinsel

Es war schon spät an diesem Tag, als wir am Abend mit unserem VW Bus den kleinen Ort Mehamn im Norden der Halbinsel Nordkinn erreichten. Die Nordkinn-Halbinsel ist die nördlichste Region Norwegens und somit auch Europas. Zumindest, wenn man sich nur auf das Festland beschränken möchte. Schon die Fahrt hierher zeigte eine unwirkliche Landschaft mit vielen kleinen verkrüppelten toten und kranken Birken und einer unglaublichen Menge an Steinen. Und doch faszinierte uns diese so unwirklich wirkende Mondlandschaft mit den vielen links und rechts der Straße grasenden kleinen oder großen Rentierherden. Zum Bericht unserer Reise mit dem Camper Bus durch die Finnmark und der Nordkinn-Halbinsel.

Die Nacht verbrachten wir am ruhigen Flughafen in Mehamn in unserem VW Bus, wo es Parkplätze beim anliegenden Sportplatz gab. Unser Plan war es von hier aus zu Fuß zum Kinnarodden zu laufen, denn eine Straße oder ähnliches gibt es dorthin nicht.

Flughafen Mehamn. Start der Wanderung zum Kinnarodden.
Unser Parkplatz für die Nacht. Im Hintergrund der kleine Flughafen von Mehamn

Kartenmaterial und Informationen zur Wanderung zum Kinnarodden

Wir gingen nach unserer Nacht am Flughafen zur Tourist-Information in Mehamn, um Informationen über die Wanderung zum Kinnarodden zu erhalten.

Gibt es Trinkwasser auf der Tour?

Trinkwasser gibt es genügend unterwegs. Aus Flüssen und Seen kannst Du trinken. Wenn Du Dir nicht sicher bist, geht auch einfaches und schnelles Filtern mit dem Sawyer MINI*. So machen wir das immer unterwegs.

Gibt es eine Kart von der Tour?

Eine kostenlose Karte mit GPS Koordinaten von der Wanderung bekommst Du in der Tourist-Information in Mehman zu erhalten.

Ist der Weg markiert?

Der Weg der Wanderung ist nicht immer als Pfad zu erkennen. Jedoch immer in bestimmten Abständen mit einem großen roten “T” markiert.
Wanderung zum Kinnarodden

Gibt es Handy Empfang für den Notfall?

Nur ziemlich selten und ganz schwach auf Erhörungen. Aber Du solltest Dich nicht darauf verlassen. Ich empfehle Dir das Abmelden in der Tourist-Info Mehamn. Bei Rückkehr reicht ein kurzer Anruf zum Zurückmelden.

Wo ist der Startpunkt der Wanderung?

Es gibt zwei Startpunkte. Der bekannt erste Startpunkt ist am Flughafen Mehamn, bei den zwei großen Steinsäulen. Der zweite Startpunkt ist weiter draußen, circa 16 Kilometer Richtung Kjollefjord. Beide Routen sind circa 25 Kilometer lang und treffen im späteren Verlauf aufeinander. Die Startpunkte sind in der Karte der Tourist-Information Mehamn eingezeichnet.

Wie lang ist die Wander-Strecke?

Die gesamte Tour Hin und Zurück beträgt ungefähr 50 Kilometer.

Kann ich unterwegs mein Zelt aufbauen?

Viel Auswahl und kleine grüne Flecken zum aufbauen des Zeltes gibt es nicht. Doch es ist immer wieder Möglich. Vor allem in der Mitte der Wanderung und auf den letzten 10 Kilometern gibt es gute Plätze für Dein Zelt.

Die Wegbeschaffenheit und die Wegmarkierung der Wanderung

Ich empfehle festes Schuhwerk. Der Weg ist über längere Strecken entlang sehr uneben und steinig, viele Geröllfelder müssen durchquert werden. Eine gesunde körperliche Verfassung ist also Vorteilhaft um zum Ziel zu kommen. Eine gesunde Psyche schließe ich mal aus, denn hier muss man schon ein bisschen bekloppt sein ;-). Man sollte aber mental fit sein. Du bist hier zum Teil ausgesetzt in riesigen Geröllfeldern und die Tour kann nicht einfach abgebrochen werde, wenn was schiefgeht. Dann solltest Du cool genug sein für einen eigenen Lösungsweg.

Bei Regen ist die Tour sehr gefährlich. Die Steine sind zum teil extrem rutschig und die Sicht kann schnell nur ein paar Meter betragen. Das Wetter kann sich hier rasch ändern. Ein blauer Himmel heißt nicht, ohne Regenkleidung loszuziehen.

Der größte Teil der Strecke ist nicht als Pfad oder Wanderweg zu erkennen. Die Richtung ist immer mit einem roten aufgemalten T auf Steinen oder Steinmännchen zu erkennen. Wenn man ein rotes T erreicht hat, sollte man von diesem Punkt aus erst das nächste rote T suchen, bevor man weiterläuft. Das gilt vor allem bei schlechter Sicht.

Wanderung zum Kinnarodden auf dem Nordkinn
Rechts neben mir auf Hüfthöhe kann man eine der Wander-Markierungen erkennen. Nach vorne der Weg aus Steinen und Steinen

Zu Fuß durch die Steinwüste der Nordkinn-Halbinsel

Der Wetterbericht schien nicht all so schlecht für die nächsten Tage, 40% Regenwahrscheinlichkeit. Trotzdem war es hier Anfang September schon ordentlich kalt und es gab immer wieder kurze Regenschauer. Das Wetter hielt die ersten Stunden unserer Tour und es ließ sich auf den mittlerweile leicht getrockneten Steinen gut laufen. Unsere Rucksäcke waren für fünf Tage mit Proviant und Campingausrüstung beladen. Wir planten vier Tage plus einen Reservetag.

Doch bald waren die trockenen Momente vorbei. Die ersten Regentropfen fielen vom Himmel und aus ein paar Regentropfen wurde es schnell eine ganze Armee. Der Wind wurde stärker und nun kam alles zusammen. Die Sicht verschlechterte sich, der Weg wurde gefährlich, weil wir jetzt auf den nass klatschen Steinen keinen guten Halt mehr hatten. Wir entschieden uns das Zelt aufzubauen. Aber auch das ist hier nicht so einfach. Wir suchten über 1 Stunde im Regen, bis wir ein Stückchen grüne leicht überschwemmte Fläche entdeckten, wo wir unser Zelt aufbauen konnten. Durchnässt wärmten wir uns im Zelt und hofften auf einen regenfreien zweiten Tag.

Zelten auf der Wanderung zum Kinnarodden am Nordkinn.
Es gibt nicht viele Plätze zum stehen mit dem Zelt beim Wandern zum Kinnarodden

Mentale Herausforderung am nördlichen Ende

Der nächste Tag schien trocken zu werden. Bis abends wollten wir am Strand sein, am Strand am Ende der Welt. Doch wieder gewann die 40% Regenwahrscheinlichkeit und wieder regnete es wie aus Eimern vom Himmel. Der Wind schlug hart wie Hagel den Regen ununterbrochen von vorne in unsere Gesichter. Die Wegfindung wurde schwieriger, meine Brille lief durch die eigene Atemluft an, da ich den Schal als Schutz bis über die Nase hochgezogen hatte. Die vielen nicht enden wollenden Regentropfen auf dem Brillenglas, gaben den Rest um die Sicht zu behindern.

>> Sollen wir lieber umdrehen? Die Steine sind verdammt rutschig und ich bin schon komplett nass! Wenn sich hier jemand verletzt, habe wir ein Problem! <<. >> Ich weiß,… nur noch ein Stückchen, wenn es nicht besser wird, drehen wir um. <<.

Es wurde nicht besser, aber wir drehten auch nicht um. Getrieben von dem Ziel, das Kinnarodden, den nördlichsten Punkt des europäischen Festlandes zu erreichen, war stärker. Und so wurden wir am Abend belohnt, als der regen endlich nachließ und der Weg auf den letzten Kilometern deutlich angenehmer zu laufen war.

Der Weg zum Strand am Kinnarodden
Diese rechte Flussseite sollte man folgen, wenn man bis zum Strand möchte. Das Bild zeigt uns auf auf dem Rückweg vom Strand kommend.

Freestyle zum nördlichsten Strand des europäischen Festlandes

Kurz vor dem Ziel gabelt sich der Weg an einem Informations-Schild. Das Schild wirkte so unwirklich nach der Wanderung durch die menschenleere Steinwüste. Zum Strand mussten wir uns links halten und am rechten Ufer des Flusses entlang über die Steinblöcke einen Weg bahnen. Nun gibt es keine T Markierungen oder Steinmännchen mehr.

Wir folgten Raintierspuren durch Matsch und Gestrüpp, bis wir den Strand erblickten. Wir stiegen die steile Wand am Strand nicht bis nach unten zum Wasser ab, sondern folgten oben den Vorsprung zum linken Ende des Strandes. Denn dort habe ich bei meinen Recherchen Trinkwasser entdeckt. Wir bauten unser Zelt mit einem fantastischen Blick über Strand und Kinnarodden Nähe des Flusses auf, der uns mit Trinkwasser versorgte.

Der Strand am Kinnarodden
Geschafft! Der nördlichste Strand vom Nordkinn und damit auch unser Zeltplatz für die nächsten 2 Nächte mit Blick auf die Barentssee.

Kinnarodden, Schutzhütte und Müll

Am dritten Tag meinte es die Natur gut mit uns. Es war der Tag, an dem wir nun die letzten Kilometer ohne Gepäck zum Kinnarodden liefen. Denn am Morgen wärmten uns schon die ersten Sonnenstrahlen und das Blau am Himmel gewann vorerst über das Graue.

Wir liefen über den Strand am Meer entlang auf die rechte Seite der Bucht, um dort unten entlang der Steilküste zu folgen. Leider entdeckten wir zu unserem Entsetzen, das der komplette Küstenbereich mit Müll überschwemmt ist. In meinem Bericht Plastik und Müll am Ende der Welt, bin ich näher auf das Problem eingegangen.

Wir zelteten am Strand vom Kinnarodden. Das Ende der Nordkinn Halbinsel
Unser Platz zum zelten. Im Hintergrund ist das Kinnarodden zu erkennen.

Nachdem wir eine weile der Küste gefolgt waren, entdeckten wir eine kleine und sehr sporadische Hütte. Es war eine Schutzhütte. Hier lag auch ein Gästebuch. Und so erfuhren wir beim Durchstöbern, dass sich schon einige hier auf dem Weg zum Kinnarodden etwas überschätzt haben. Wanderer versuchten die insgesamt 50 Kilometer Wanderstrecke am Stück zu bewältigen und schafften es nicht immer. Entweder wegen der Kraft oder dem Wetter und nutzten dankbar diese Schutzhütte als Unterschlupf.

Wir waren glücklich mit unserer Zelt-Strategie und den Ruhetagen. So liefen wir frisch und ausgeruht mit Sonnenschein im Gesicht, die letzten Kilometer zum Kinnarodden, den nördlichsten Punkt des europäischen Festlandes.

  • Das Kinnarodden
  • Rentiere auf der Nordkinn Halbinsel
  • Das Kinnarodden
  • Rentierherde auf der Nordkinn Halbinsel beim Kinnarodden
  • Schutzhütte am Kinnarodden

Vier Tage Einsamkeit bei unserer Wanderung zum Kinnarodden

Nach zwei Nächten verließen wir den Strand am Kinnarodden und machten uns früh morgens am vierten Tag der Wanderung auf, um den Rückweg an einem Tag zu bewältigen. Dieses Mal gab es nur starken Wind und der Regen verschonte uns in der Steinwüste Nordkinn. Wir trafen auf unserer Tour keinen einzigen Menschen. Dafür aber umso mehr Rentiere.

Baden am Strand beim Kinnarodden
Ein kühles Bad in der 9 Grad warmen Barentssee beim Kinnarodden.

Eine Straße zum Kinnarodden auf der Nordkinn-Halbinsel?

Immer wieder wird über den Bau einer Straße zum Kinnarodden gesprochen. Vor allem die Samis hätten gerne eine Verbindung, um besser zu ihren Rentierherden zu gelangen. Das Argument klingt für mich aus der Sicht der Samis plausibel, doch bin ich persönlich gegen den Straßenbau. Es gibt mittlerweile so viele Punkte in Europa, die ans Straßennetz angebunden sind, das es aus meiner Sicht schade wäre, wenn dieser ruhige und einsame Ort dem Massentourismus unterliegen müsste. Aber am Ende ist dies keine einfache Schwarz Weiß Antwort, ob eine Straße gebaut werden sollte oder lieber nicht.

Der Reiz, sich zu Fuß auf dem Weg zu machen, macht für mich dieses Ziel zu etwas besonderen. Ich weiß, dass nicht jeder die Voraussetzungen für diesen Marsch hat, doch gibt es noch die Möglichkeit, mit einem kleinen Boot von Mehamn aus zum Kinnarodden zu gelangen. Hier muss zwar auch der Anstieg zum Kinnarodden bewältigt werden aber etwas für sein Ziel zu tun, steigert ja auch deutlich die Freude, sein Ziel am Ende erreicht zu haben.