Mit dem Camper durch die Finnmark

Mit dem Camper in die Finnmark, der hohe Norden Norwegens

Aktualisiert am 29. Dezember 2023

Teil 8 von 11 unserer Reise durch Skandinavien und das Baltikum

Tour mit dem Camper durch die Finnmark
© OpenStreetMap contributors

Mit dem Erreichen der Finnmark, erreichten wir auch gleichzeitig die nördlichste Region des europäischen Festlandes. Die Finnmark erstreckt sich über den Norden Norwegens an den Grenzen Schwedens, Finnlands und Russlands entlang und geizt nicht mit seiner Schönheit und je nach Region und Jahreszeit, auch nicht mit Einsamkeit.

Eine Angel als Geschenk

Auf dem Weg in den Norden zur Stadt Alta, lernte ich einen jungen Franzosen kennen, der in einem ziemlich wilden und großen selbst ausgebauten Camper mit seiner Freundin lebte. Er sprach genauso schlechtes Englisch wie ich und genau aus diesem Grund, verstanden wir uns auf Anhieb sofort. Er angelte schon seitdem er ein kleiner Bub war und wusste daher sehr viel darüber und konnte mir so ein paar wertvolle Tipps geben, über die ich sehr froh war. Im Gespräch drückte er mir eine von seinen größeren Angelruten zum Ausprobieren in die Hand, weil ich „nur“ eine wirklich sehr kleine Reiseroute dabei hatte, die nicht wirklich viel aushielt. Er meinte nach einer Weile, die Angelrute passe ganz gut zu mir und ich solle sie doch einfach behalten. Ich war erstaunt und wusste nicht recht was ich sagen sollte, wie so oft, wenn ich Geschenke aus heiterem Himmel bekomme.

Der Gedanke ist für mich schwer, dass Menschen einen etwas geben oder schenken, ohne gleich eine Gegenleistung dafür zu haben. Eigentlich von mir kein guter Gedankengang. Umso mehr freue ich mich, wenn ich sehe, dass die negative Einstellung nicht unbedingt immer gewinnen muss.

Keine 2 Tage später, fing ich mit der geschenkten Angel einen Heilbutt in der Region Finnmark in Norwegen, der uns 2 Tage leckere Nahrung gab.

Fang eines Heilbutt in der Finnmark
Erster Fang mit der geschenkten Angel. Ein Heilbutt!

Wo sind unsere Schnürsenkel?

Diese Frage mussten wir uns leider stellen, als wir beim Sortieren unserer Ausrüstung für die nächste Trekking-Tour merkten, dass unsere Wanderschuhe keine Schnürsenkel mehr hatten. Der Schuldige wurde schnell gefunden, ich selber. Beim reinigen und pflegen der Schuhe nach unserer Tour am Kungsleden, habe ich die Schnürsenkel entfernt und zum trocknen in die Sonne gelegt. Wie es nun so aussah, lagen diese jetzt immer noch 300 Kilometer südlicher an dem Platz, wo ich sie entfernt hatte und trockneten und sonnten sich ohne uns.

Zum Glück lag die Stadt Alta in der Finnmark Region auf unserem Weg. So hatte ich nun einen perfekten Grund, Justyna davon zu überzeugen wieder Sport- und Outdoor-Geschäfte zu besuchen. Die Läden sind hier oben etwas mehr auf Wildnis ausgelegt, im Gegensatz zu unseren Geschäften, zumindest wie ich es kenne. Aber ich fand es sehr abenteuerlich und es gibt viele schöne nützliche Dinge für das Naturleben. Zwischen Schrotflinte und Jagdgewehr fanden wir dann auch neue Schnürsenkel.

Rentiere am Nordkinn in der Finnmark in Norwegen.
Nicht nur auf die eigenen Schnürsenkel, sondern auch auf die Rentiere muss Obacht gegeben werden.

Die Straße nach Havoysund im Norden der Finnmark

Eine Straße mit sehr wenig Verkehr, ein Grund für uns diese dann auch zu erkunden. Nebenbei hatten wir erfahren, dass dieser Abschnitt landschaftlich sehr schön sein sollte, was er auch wurde. Wollten wir zuerst nur schnell an einem Tag nach oben Fahren und wieder zurück, blieben wir am Ende 3 volle Tage verteilt an der Straße entlang.

Beim Ort Havoysund angekommen, entdeckten wir ein kleines Hinweisschild mit der Aufschrift “Arctic View“. Wir folgten dem Schild und der kleinen Straße ins anscheinende Nirgendwo, wo sich am Ende überraschenderweise mehr Windräder wie eine schöne Aussicht auf die Arktis befand. Aber Windräder sind ja auch wichtig, von daher fand ich es erwähnenswert und schreibe es hier gerade auf.

Nordkinn statt Nordkap

Das magische Nordkap, das Ziel vieler Reisender am Ende einer langen Reise. Vor dem Start der Tour war auch für uns das Nordkap ein Ziel. Doch Erzählungen von Reisenden die wir trafen, schilderten oft eine andere Wahrheit. >> Du zahlst ein Haufen Geld für nichts<<. Je öfters wir dies zu hören bekamen, umso mehr hinterfragten wir ob es wirklich Sinn macht an ein überfülltes “Nichts“ zu fahren.

Wir informierten uns mehr mit dem Thema Nordkap und fanden ziemlich schnell heraus, dass das Nordkap nicht einmal der nördlichste Punkt des europäischen Festlandes ist. Warum? Das Nordkap liegt auf einer Insel! Ok, dann aber als Insel der nördlichste Punkt Europas? Nein, als Insel wir es leider auch nichts, denn Spitzbergen und die Inselgruppe Franz-Josef-Land liegen deutlich nördlicher. Was macht das Nordkap dann aus, das dort so viele Reisende an diesen Punkt fahren, laufen oder radeln? Wir wissen es auch nicht. Was wir wissen, dass die Magie für uns verschwunden war.

Wo liegt der nördlichste Punkt?

Wo liegt dann der nördlichste Punkt des europäischen Festlandes? Auf der Nordkinn-Halbinsel, mit dem Kinnarodden! Dorthin gelangt man nur mit einem längeren Fußmarsch durch schweres Terrain und Ausrüstung, oder mit einem Boot. Die Wanderung startet in Mehamn.

Wir haben uns bei ungünstigem Wetter zu Fuß auf dem Weg begeben, um zum Ende unseres Kontinentes zu laufen. Wir waren 4 Tage auf Tour und haben keinen einzigen Menschen angetroffen. Einsam und mit Sonne standen wir dann Anfang September am nördlichsten Punkt des europäischen Festlandes, dem Kinnarodden auf der Nordkinn-Halbinsel. Hier geht es zum Kinnarodden-Bericht mit Wanderung zum nördlichsten Punkt vom europäischen Festland. Das Nordkap haben wir nicht besucht.

Am nördlichsten Punkt der Finnmark am Nordkinn beim Kinnarodden.
Zelten am Ende der Welt! Im Hintergrund die Bering See und das Kinnarodden.

Als wir lernten, Polarlichter zu fotografieren

Im Kjollefjord, im Westen von der Nordkinn-Halbinsel, lernten wir das französische Paar Yvette und Francis kennen. Beide waren begeisterte Polarlicht-Jäger und jetzt im September, begann die Zeit zum Jagen. Und so kam es, dass wir uns bei dem kleinen Örtchen Gamvik am Slettnes Leuchtturm, dem nördlichsten Leuchtturm vom Festland Europas, erneut trafen. Es wurde eine lange Nacht, wo wir alle 4 wie kleine Kinder die über unseren Köpfen tanzenden Polarlichter mit unseren Augen und den Kameras einzufangen versuchten. Francis erklärte und alles über die Iso-Werte, Blendenzeit und andere Kameraeinstellungen die für ein gutes Polarlicht wichtig waren. So schafften wir es tatsächlich auch mit unserer sehr günstigen Kamera tolle Polarlichter einzufangen.

Polarlichter in der Finnmark jagen.
Am Slettnes Leuchtturm bei Gamvik auf Polarlicht Jagt. Foto von Francis!

Gamvik, Slettnes Leuchtturm und ein Orca

Aber nicht nur wegen der Aurora Boreales (Polarlichter) lohnt der Abstecher nach Gamvik. Vom nördlichsten Leuchtturm des europäischen Festlandes aus konnten wir viele Robben beobachten. Der schöne Slettnes Leuchtturm zieht aber nicht nur Robben an, sondern auch Rentiere. Nicht weit auf dem Ozean entfernt, zeigte sich zu unserer Überraschung sogar immer wieder die Flosse eines Orca Wales und ließ unsere Herzen höherschlagen. Zum Wandern gab es hier auch jede Menge Möglichkeiten, um die Gegend zu erkunden. Die Sicht ist fantastisch, falls das Wetter hier oben mal mitspielt.

Für uns war das Nordkinn eines der ganz großen Überraschungs-Highlights auf unserer Reise durch Skandinavien.

Vardo, der Ort auf der Insel im Osten der Finnmark

Wir folgten der für uns zu Beginn unspektakulären E75 zu einem der nordöstlichsten Punkte Norwegens. Es ging nach Vardo und dem kleinen Fischerdorf Hamningberg. Die gesamte Straße mit ihren 160 Kilometern (eine Strecke), ist eine Sackgasse und muss auf dem gleichen Weg wieder zurückgefahren werden. Der Ort Vado hatte seinen eigenen Charm. Allein das dieser Ort auf einer Insel liegt, trägt schon dazu bei.

Eines der wohl mittlerweile bekanntesten Sehenswürdigkeiten in Vardo, ist das “Steilneset minnested“ Mahnmal. Das Hexenmahnmal soll an die Opfer gedenken, die in der Zeit der Hexenverfolgung verbrannt wurden. Jedes der einzelnen Opfer hat einen eigenen Platz in der Gedenkstätte bekommen. Sehr faszinierend und berührend zugleich. Es soll uns zeigen, wie verwerflich es ist, andersdenkende zu verfolgen, zu bestrafen oder sogar zu töten, nur weil sie eine andere Meinung oder Sichtweise haben. Das Thema ist leider in unserer heutigen “aufgeklärten“ Zeit immer noch ein aktuelles, weil Geschichte oft nicht verstanden werden will.

Hamningberg

Folgt man der Hauptstraße wieder auf dem Festland bei Vado weiter in Richtung Sackgasse, weißt ein Schild auf das Örtchen Hamningberg hin. Ab hier wird die eintönige Straße endlich interessant. Nicht nur, dass die gesamte Straße jetzt so breit ist, dass gerade ein Auto Platz hat, nein, sie verläuft auch noch aufregend mitten durch die felsige Küstenlandschaft des arktischen Meers.

In Hamningberg gibt es wieder viele Möglichkeiten sich aktiv zu bewegen. Wir entschieden uns nur für einen kleinen Spaziergang, denn die Zeit begann uns langsam davonzurennen.

Der Nordosten der Finnmark bei Hamningberg.
Die Straße nach Hamningberg

Die Zeit rennt!

Mittlerweile war es Mitte September und wir befanden uns nun schon seit fast 2 Monaten über dem Polarkreis. Der Norden war an seinem Höhepunkt der Herbstverfärbung angekommen. An einigen Bäumen fielen schon fleißig die Blätter. Die Temperaturen schafften es jetzt am Tage nicht mehr den zweistelligen Bereich zu erreichen. Es gab maximal 5 bis 7 Grad Außentemperatur. Es fiel uns trotzdem schwer den Norden zu verlassen, doch es musste sein, denn unsere Ausrüstung war nicht für den brutalen und kalten Winter hier oben in der Finnmark ausgelegt.

Grense Jakobselv. Zur russischen Grenze.

Wir fuhren also die Strecke von Hamningberg zügig zur Grense Jakobselv, dort wo man sich der russischen Grenze legal bis auf ein paar Meter nähern kann. Die kleine Straße nach Grense Jakobselv bietet wieder viele Fotomotive und war aus unserer Sicht sehr lohnenswert. Wir verbrachten die Nacht an der Grenze und standen direkt am arktischen Meer. Die Temperaturen waren dementsprechend. Wir hatten das erste Mal Frost und froren die halbe Nacht beim Beobachten der Polarlichter.

Die Aussichten auf dem Wetterbericht zeigten uns, dass der Winter sich nun langsam in der Finnmark ankündigte. Wir wussten um unsere Verspätung auf unserer Tour, wollten wir doch eigentlich schon längst in Richtung Südeuropa unterwegs sein, hielt uns der Norden weiter in seinem Bann.

Wir machten uns auf nach Finnisch-Lappland und hofften nun schneller voranzukommen, doch hier sollte es noch schwerer werden, den Norden zu verlassen…

2 Kommentare zu „Mit dem Camper in die Finnmark, der hohe Norden Norwegens“

  1. Habe schon wieder“Nordsucht“.
    Wir waren 2015 in der Finnmark im Juli.
    Mitternachtssonne vom Feinsten.
    Sehr zu empfehlen ist auch die Varanger-Halbinsel.
    Danke für den schönen Bericht.
    Beate & Lutz

    1. Hallo Beate, hallo Lutz,

      lieben Dank für Euren Kommentar. Wir sehen das wie ihr, wer einmal die „Nordsucht“ in sich trägt, wird sie einfach nicht mehr los. Da können noch so viele nervende Mücken auftauchen, es ist trotzdem fantastisch da oben im Norden.

      Richtig, die Varanger-Halbinsel ist ebenso ein Höhepunkt in Norwegens Norden. Es lohnt sich auf der immer kleiner werdenden Straße bis nach Hamningberg durchzufahren. Wirklich großes Kino.

      Ich wünsche Euch ein baldiges neues Abenteuer, genau da, wo ihr am liebsten sein wollt.

      Beste Grüße
      Björn

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen