Baltikum im Herbst: Skandinavien-Baltikum-Tour 14

Baltikum im Herbst: Skandinavien-Baltikum-Tour 14

4. Januar 2020 0 Von Björn Hofmann
Tour vom Blog 14

Es war mittags, als sich die großen Klappen am Heck der Fähre langsam öffneten und Tageslicht in das Innere der Fähre drang. Die ersten Motoren einiger Fahrzeuge wurden gestartet. Wir standen mit unserem kleinen Camper zwischen einigen LKWs eingequetscht und freuten uns, endlich langsam aus dem Bauch des Schiffes zu rollen. Die Fährfahrt von Helsinki nach Tallinn war geschafft, nun startete die Erkundung des Baltikums in der Hauptstadt von Estland.

Tallinn, die Hauptstadt von Estland

Estland ist das nördlichste der 3 Baltischen Länder und hier oben an der nördlichsten Küste des Baltikums, liegt Tallinn, die Hauptstadt von Estland. Tallinn liegt nur 90 Kilometer Luftlinie von Helsinki entfernt und ist deswegen auch ein beliebtes Ziel von vielen Finnen.

Schon an der ersten Tankstelle, die wir in Tallinn zu Gesicht bekamen, freuten auch wir uns, dass bessere Zeiten für unser Budget bevorstanden. Hatten wir in Finnland noch 1,50€ oder mehr pro Liter Diesel gezahlt, hieß es nun 1,10€ pro Liter.

Es war Mitte Oktober als wir Tallinn erreichten und das Finden von Parkplätzen war somit um die Mittagszeit in Tallinn, nähe Altstadt kein Problem. Die Altstadt war wirklich sehenswert und zählt seit 1997 zum UNESCO Weltkulturerbe. und hatte viele Historische Gebäude und Stadtmauern aus der Mittelalterzeit zu bieten. In Tallinn gönnten wir uns seit langem mal wieder ein Essen in einem Speiselokal, denn das Essen ist hier nicht nur gut, sondern auch günstig.

Tallinn im Baltikum
Tallinn

Wildcampen im Baltikum

Von Tallinn aus folgten wir der Küste in den Osten entlang und suchten nach einer Möglichkeit zum Übernachten in unserem Camper. Wir wussten das wir nun nicht mehr in Skandinavien sind und waren deswegen leicht angespannt, was das Thema der Sicherheit anging beim Freistehen. Das Schlafen im Auto ist grundsätzlich nicht verboten im Baltikum und wird auch geduldet. So fanden wir einen Wanderparkplatz im Wald der ca. 400m von der Küste entfernt war. Wir standen alleine.

Wildcampen und laute Nächte gehören zum Baltikum, auch im Herbst

Mitten in der Nacht wurde es laut am Parkplatz. Ich wurde durch das laute schreien junger Männer munter. Autoreifen drehten im Schotter laut durch… dann war kurz Ruhe. Ein paar Meter entfernt, sahen wir weitere Menschen mit Taschenlampen durch den Wald rennen, die den anderen Autos nachrannten, die eben den Parkplatz mit viel Getöse verlassen hatten. Nach einer kurzen Pause, wurde wieder laut geschrien. Wieder kamen unserem Bus Fahrzeuge näher, die Motoren liefen weiter und Personen stiegen aus. Viele Lichtstreifen von Taschenlampen waren in der Dunkelheit zu erkennen und wir machten uns langsam Sorgen. Ich suchte nach meinem Jagdmesser und dem Pfefferspray, um es in meiner Nähe zu haben. Die Personen liefen um unseren Camper und wir wusste nicht was sie wollten oder was sie vorhatten. Meine Hände waren Nass vor Schweiß, denn ich hatte mich innerlich vorbereitet, dass es zu einer Konfrontation kommen würde. Nach einer Weile fuhren sie aber wieder.

Als es länger ruhig war, überlegten wir ob wir den Platz lieber verlassen sollten. Ich stieg aus dem Camper und kontrollierte die Gegend, um unsere Gewissen zu beruhigen. Es war niemand mehr zu sehen. Der Restliche Teil der Nacht war Ruhig und wir lernten aus dieser Nacht, dass wir ab jetzt unsere Schlafplätze besser Aussuchen müssen. Das lockere Campingleben, was wir aus Skandinavien kannten, war nun vorbei. Auch später mussten wir erfahren und erleben, das laute Musik und Action, in der Nacht auf Parkplätzen im Baltikum ganz normal sind.

Der schöne Norden im Baltikum

Neben unerklärlichen verrückten Sachen die in der Nacht auf Wanderparkplätzen passieren, hatte Estland aber auch eine wunderschöne Natur zu bieten. Die Küste im Norden erinnerte ein wenig an Rügen mit den steilen und zerklüften Steilwänden. Eine kurze Wanderung führt durch dieses Küstengebiet und erklärt viel über Flora und Fauna. Link zur kleinen Wanderung

Ein See der 7-mal so groß ist wie der Bodensee?

Es war schon dunkel, als wir am Peipussee ankamen. Zu unserem Glück, gab es einen kostenlosen Campingplatz mit Feuerstellen und Bänken im Wald. Der Platz war videoüberwacht, was sich für uns positiv auswirkte, da es eine verdammt ruhige Nacht wurde. Nur von weitem hörten wir immer wieder das Rauschen, wie man es vom Meer gewohnt war. Doch es war kein Meer da, sondern nur der Peipussee. Also schoben wir das Geräusch auf den Wind.

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Am nächsten Morgen liefen wir im hellen vom Stellplatz aus die letzten 200m bis zum Peipussee. Ja, und wir haben nicht schlecht geschaut, als wir an einem riesigen Strand standen der locker hätte am Meer sein können. Der Peipussee ist 7-mal so groß wie der Bodensee und man hat das Gefühl, dank des vielen Windes und den hohen Wellen an der Ostsee zu stehen. Wunderschön! Auf der anderen Seite des Sees befindet sich Russland.

Peipussee im Baltikum
Peipussee

Auf nach Lettland

Das Wetter sollte südlicher besser werden, weniger regnerisch wie angekündigt im Norden. Also fuhren wir weiter nach Lettland. Die Entfernungen zwischen den Ländern sind nicht so groß, so dass man schnell im nächsten Land sein kann, wenn man es denn möchte.

In Lettland wurde es dann sehr voll auf den Straßen. Wir fuhren die Hauptstraße nach Riga entlang und der Fahrstiel der Letten war, nun ja, gewöhnungsbedürftig. Die meisten outeten sich nach ihrem Fahrstil als begeisterte Fans des Motorsports.

Riga, die Hauptstadt von Lettland

In Riga gab es sehr viele private und gut bewachte Parkplätze. Nach einer kurzen Recherche online, wusste ich auch warum. Hier berichteten einige Wohnmobil-Fahrer von Einbrüchen in ihr Fahrzeug, während sie die Stadt besichtigten. Ok, wir waren überzeugt, ob Schwindel oder nicht, und investierten lieber ein paar Euro mehr in einen bewachten Parkplatz. Geiz muss ja nicht immer geil sind.

Riga präsentierte sich ansonsten offen und modern mit einigen schön angelegten grünen Parks und schönen Sehenswürdigkeiten. Ja, genau, wie in den meisten Städten. Darum ging es auch nach ein paar Stunden mit unserem nicht aufgebrochenem VW Bus wieder raus aus der Stadt.

Riga, Hauptstadt Lettland
Riga

Kap Kolka, Naturparadies im Baltikum

Wir fuhren von Riga aus nach Westen auf die Halbinsel Kurland, immer der Küste folgend in Richtung Kap Kolka. Die Straße wird nach einigen Kilometern nach Riga ruhig, zum Teil sogar sehr ruhig. Einfach schön. Aber auch schön eintönig, was die Straße mit der Landschaft betrifft. Man sieht Kilometer für Kilometer nur das gleiche, obwohl die Straße nur 200m neben der Küste verläuft, sieht man nichts außer Wald und die Straße. Doch sobald man am Straßenrand anhält und die 200m zur Küste durch den Nadelwald zurücklegt, wartet ein wilder sich unendlich langziehender Strand zum Erkunden.

Am nördlichsten Punkt von der Halbinsel Kurland war das Kap Kolka, wo wir einen tollen Platz zum Campieren fanden. Das Kap Kolka liegt so exponiert, dass man von dort aus sowohl den Sonnenaufgang, als auch den Sonnenuntergang beobachten kann. Die Küste der Halbinsel Kurland, war uns eine der schönsten Abschnitte auf unserer Reise durchs Baltikum

Kap Kolka in Lettland im Baltikum
Am Kap Kolka in Lettland

Der Baltische-Küstenwanderweg

Wir entdeckten die Informationstafel für den Baltischen Küstenwanderweg, der ein Teil des Europäischen Fernwanderweges E9 ist. Dieser klingt nach einem echten Schmuckstück für Freunde von Küstenwanderungen, denn dieser verläuft an der kompletten Küste Lettlands und Estlands entlang. Auf der Homepage coastalhiking.eu/de gibt es mehr Informationen über den Fernwanderweg. Wir setzten die Wanderung auf unsere ToDo Liste.

Strandwanderung im Baltikum
Wandern entlang der Küste Lettlands
Trekking-Tour-am-Kungsleden-und-Dag-Hammarskjöldsleden

Lust auf Wandern bekommen? Hier geht es zu unseren Trekking-Touren

DIY Camper Ausbau Anleitung. Vom Transporter zum Camper

Lust auf einen eigenen Camper bekommen? Hier geht es zum Ausbau DIY Bericht

WLAN Hotspot Paradis Baltikum

Quer durchs Baltikum verteilt gibt es jede Menge kostenloser und sehr schneller WLAN Hotspots. Für jemanden der aus Deutschland kommt ist das wohl schwer nachzuvollziehen aber selbst mitten in der Pampa in einem Dorf mit 200 Einwohnern, gab es solche Spots. Jetzt könnte man die Vor- und Nachteile aufzählen, aber das ist ein anderes Thema. Die baltischen Länder verfolgen ein Konzept, was da heißt, dass jeder Bürger das Recht auf schnelles Internet hat. Und auf Worte folgen schon seit längeren Taten.

Litauen und eine der höchsten Wanderdüne Europas

Die Halbinsel Kurische Nehrung, mit dem gleichnamigen Nationalpark, ist ein beeindruckendes Stück Natur in unserem schönen Europa, was wir so nicht in Lettland erwartet hätten. Der nördliche Teil der Halbinsel gehört zu Litauen und der südliche Teil zu Russland. Da wir kein Visum für Russland hatten, begnügten wir uns mit dem Norden im lettischen Teil.

Der Nationalpark Kurische Nehrung gehört zum UNESCO Weltkulturerbe und beherbergt riesige Wanderdünen an seiner Küste. Beim Durchqueren auf einen der offiziellen Wege, bekommt man das Gefühl in der Sahara zu laufen. Aber wenn wir schon beim Thema Laufen durch geschützte Dünen sind, sollte man beim Besuch unbedingt auf den vorgegebenen Wegen bleiben, denn durch die Missachtung einiger Besucher, wird diese Naturlandschaft auf Dauer zerstört. Es sollte aber für zukünftige Generationen genauso Möglichbleiben dieses wunderschöne Naturschauspiel bewundern zu dürfen.

Campen im Plattenbau

Wir recherchierten im Internet nach offenen Campingplätzen, was aber leider nicht so einfach war. Es war nun Ende Oktober und viele Campingplätze hatten geschlossen. Unser nächstes Ziel war die Stadt Kaunas, wo wir eine Studienfreundin von Justyna besuchen wollten. An diesem Tag würden wir es aber nicht mehr schaffen, also fanden wir 2 Campingplätze die angeblich offen sein sollten.

Beide Informationen waren falsch und es war durch das Suchen und Anfahren mittlerweile sehr spät geworden. Wir befanden uns in der Stadt Silute. Also entschieden wir, dass es am sichersten ist, mitten in einem stark beleuchteten Wohngebiet, was aus Plattenbauten bestand, zu nächtigen. Es war schwer uns aus der Masse der parkenden Autos als Camper zu identifizieren und wir waren somit froh über unseren kleinen Camper Van. Dafür hieß es jetzt pinkeln in die Flasche, anstatt an den Baum. Aber es wurde zu einer sehr ruhigen Nacht mitten in der Stadt.

Wildcampen im Baltikum in der Stadt
Nicht unbedingt der schönste Stellplatz zum Wildcampen aber zweckerfüllend

Vilnius, die Hauptstadt der Baustellen

Nach dem Besuch in Kaunas, ging es in die Hauptstadt Litauens, nach Vilnius. Schon der erste Eindruck gefiel uns überhaupt nicht. Dreckig und überfüllt wirkte die Stadt ende Oktober auf uns. Den Rest gaben die unglaublich vielen Baustellen, die vollkommen unkoordiniert die Autofahrer wild in irgendwelche Richtungen lenkten, wo sie nicht hin wollten. So kam es, dass wir und andere Autofahrer in eine Straße geleitet wurden, wo plötzlich eine Schranke stand. Keiner wusste wie man die Schranke öffnen sollte, selbst die Einheimischen waren überfordert, das beruhigte mich. Die Autos hinter mir wurden immer mehr und Rückwärtsfahren war somit nicht mehr möglich.

Fahrradweg oder Akku-Flex?

Ich hatte also zwei Optionen, die Schranke mit meiner Akku-Flex zu öffnen oder links durch das Blumenbeet auf den Fahrradweg auszuweichen und so die Schranke zu umfahren. Ich entschied mich für den Fahrradweg und alle anderen Autos hinter mir, folgten unauffällig. Warum da eine Schranke war? Keine Ahnung! Warum wird man dort langgeschickt? Keine Ahnung! Doch nach dem es eine Weile durch Schotterwege durch eine weiter Baustelle ging, kamen wir wieder zurück auf eine „normale“ Straße. Offroad Abenteuer Vilnius.

Für uns ging es nun weiter zur nicht all zu weit entfernten Polnischen Grenze, wo einige schwierige Entscheidungen auf uns zu kamen und auch die weitere Reise beeinflussten.

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